Digitale Lieferketten brauchen analoge Kontrolle

Transparenz

Claudia Mende

Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie verändert weltweite Lieferketten und schafft mehr Transparenz. Digitale Werkzeuge können dabei hilfreich sein, aber auch in Zukunft wird es ganz ohne analoge Kontrollmechanismen nicht gehen.

Automatisierung und Digitalisierung verändern die Prozesse entlang globaler Wertschöpfungsketten. Mit dem Weg in die Industrie 4.0 ist auch die Hoffnung auf mehr Transparenz verbunden. Zusätzliche Informationen sollen es einerseits Unternehmen erleichtern, auf die Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards bei Produzenten und Lieferanten in aller Welt zu drängen. Gleichzeitig wächst der Druck von Politik und Öffentlichkeit auf Unternehmen, Menschenrechtsverletzungen und Umweltbelastungen nachweislich auszuschließen. So äußerte sich beispielweise Entwicklungsminister Gerd Müller über die Textilbranche: „Ich lasse es nicht mehr gelten, dass deutsche Unternehmen sagen, wir können die Bedingungen in unseren Produktionsstätten nicht kontrollieren“.

Neue digitale Werkzeuge ermöglichen einen besseren Einblick in die Produktionsbedingungen vom An- oder Abbau der Rohstoffe über ihren Transport, verschiedene Fertigungsschritte und die Endmontage bis zur Endware auf dem Ladentisch – oder im Onlineversand. Eines dieser Tools ist die Blockchain-Technologie, die seit etwa zwei, drei Jahren von großen Unternehmen verwendet wird, um effizienter, kostengünstiger und transparenter zu produzieren.

Konzerne nutzen Blockchains

Bei Blockchains handelt es sich um eine Art fälschungssicherer, kontinuierlich erweiterbarer Datenbanken. Kernprinzip ist dabei, dass einmal eingetragene Informationen nachträglich nicht mehr verändert werden können. Alle Beteiligten an einer Lieferkette können dezentral an dem System teilnehmen und haben Einblick in die gesamte Datenkette. Somit kann jeder jeden kontrollieren, eine Manipulation der Daten ist kaum möglich, Unternehmen können schneller auf Probleme reagieren. Zahlreiche Konzerne haben in den letzten Jahren begonnen, Blockchains zu verwenden, um ökologische und arbeitsrechtliche Risiken wie etwa einen erhöhten Einsatz von Umweltgiften, Kinderarbeit oder mangelnden Arbeitsschutz zu minimieren.

Autobauer wie BMW, VW oder Ford nutzen Blockchain, um die Herkunft problematischer Rohstoffe genauer zu verfolgen. Dazu gehört Kobalt, ein Schlüsselrohstoff für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien in Elektroautos. In einer typischen Kobalt-Kette wird der Rohstoff in Minen der Demokratischen Republik Kongo abgebaut, in Asien zu Bauteilen weiterverarbeitet und in Europa oder den USA endgültig in ein Auto eingebaut. Wurden vorher die Ergebnisse von Prüfverfahren entlang dieser Wertschöpfungskette manuell oder in unterschiedlichen digitalen Systemen vermerkt, ermöglicht Blockchain jederzeit eine Gesamtsicht auf die Kette von der Mine bis zum Werk. Zum Teil wird zusätzlich mit GPS-Tracking und Gesichtserkennung gearbeitet.

Ähnlich funktioniert das Tool des US-Tech-Unternehmens Bext360 für die Rückverfolgung von Bio-Baumwolle, das der Bekleidungshersteller C&A verwendet. C&A, das bereits 40 Prozent seiner Textilien aus Bio-Baumwolle herstellt, will die Faser vom Feld bis in die Filialen mithilfe von Blockchain physisch verfolgen. In einem Pilotprojekt will die Firma prüfen, ob Blockchain mehr Sicherheit in Sachen Integrität, Reinheit und Qualität bieten kann. Als erste europäische Supermarktkette stieg Carrefour 2018 in Zusammenarbeit mit IBM mit acht Lebensmitteln in Blockchain ein. Die Informationen zu Herkunft, Aufzucht, Schlachtung und Transport zum Beispiel von Hühnchen sind in einem QR-Code hinterlegt und sollen so für den Verbraucher nachvollziehbar sein. Damit will Carrefour nach zahlreichen Lebensmittelskandalen in der Vergangenheit neues Vertrauen beim Konsumenten aufbauen. Auch Nestlé, Unilever and Walmart nutzen die Technologie.

Grenzen der Blockchain

Aber kann Blockchain tatsächlich garantieren, dass Vorgaben eingehalten werden? Kritiker zweifeln, ob Blockchain diesen Erwartungen gerecht werden kann. Sven Hilbig von Brot für die Welt gibt zu bedenken, „man weiß nicht, ob die eingegebenen Daten auch der Realität entsprechen.“ Die Datensätze könnten nichts darüber aussagen, „ob zum Beispiel die Information der Wahrheit entspricht, dass die Arbeiter in einer Mine Schutzanzüge tragen.“

Blockchain könne unternehmerische Sorgfalt durch Audits und Vor-Ort-Kontrollen nicht vollständig ersetzen, sagt auch Doug Johnson-Poensgen, der CEO von Circulor, einem britischen Start-up, das Blockchain-Technologie für Unternehmen anpasst und zum Beispiel mit BMW zusammenarbeitet. Aber die digitale Plattform könne zu einer besseren Einhaltung von Standards führen, indem Risiken für die Unternehmen deutlicher und schneller sichtbar werden.

Allerdings ist Blockchain derzeit noch in der Implementierung sehr aufwendig und unter Nachhaltigkeitsaspekten auch mit einem erheblichen Energieverbrauch verbunden. Für kleine und mittlere Unternehmen sei Blockchain daher nicht besonders praktikabel, meint Frank Ebinger, Professor für Nachhaltigkeitsorientiertes Innovations- und Transformationsmanagement an der Technischen Hochschule Nürnberg. Ebinger arbeitet an einem Konzept für eine digitale Plattform, die ebenfalls mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette verspricht, aber offener und einfacher zu handhaben ist als das geschlossene Blockchain-System. Er stellt sich ein Werkzeug vor, das mithilfe künstlicher Intelligenz – wie zum Beispiel Webcrawlern – Computerprogrammen, die automatisch das Internet nach bestimmten Kriterien durchsuchen – Informationen generiert.

Alternativen für den Mittelstand

„Was Unternehmen brauchen, sind mehr Informationen über ihre Zulieferer“, sagt Ebinger. Die Firmen könnten in der Regel bis zum 1st tier supplier gut nachvollziehen, ob Standards eingehalten werden. Sind Produktionsschritte weiter ausgelagert, werde das deutlich schwerer. Beim Sub-Subunternehmer etwa im fernen Asien könnten die Unternehmenszentralen in Deutschland nicht sicher sein, ob man es dort mit dem Brandschutz oder den Arbeitszeiten nicht so genau nimmt. Mit dem Werkzeug, das Ebinger vorschwebt, könnten Unternehmen, aber auch Nichtregierungsorganisationen oder Verbände anhand von Kriterien, wie sie zum Beispiel GRI Reporting vorsieht, vertiefte Informationen aus dem Netz erhalten.

Ähnliche Tools sind bereits auf dem Markt. Mit dem RVO Risk Checker aus den Niederlanden können Unternehmen, die im Ausland produzieren, online CSR-Risiken bei Produktgruppen oder einzelnen Produktbestandteilen prüfen, ohne dass Kosten entstehen. Wenn man zum Beispiel „Baumwolle aus Ägypten“ eingibt, werden Risiken wie Korruption, Kinderarbeit, Terroranschläge, ungleiche Löhne, hoher Pestizideinsatz, Einschränkungen bei der Versammlungsfreiheit oder Probleme beim Arbeitsschutz angezeigt. Gleichzeitig bekommt der User Hinweise, wie sich die Risiken vermeiden lassen. Zum Beispiel wird beim Thema Kinderarbeit auf die Empfehlungen der ILO zur Vermeidung des Problems verwiesen. Finanziert vom niederländischen Außenministerium und herausgegeben vom holländischen Verband Nachhaltiger Unternehmer ist das Tool für eine erste Risikoabschätzung gut geeignet. Ähnlich funktionieren die Tools der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Fair Factories Clearinghouse und für den Textilbereich Fashion Revolution (www.fashionrevolution.org) aus Großbritannien.

Mehr Transparenz können Werkzeuge wie Blockchain oder Online-Risk-Checker durchaus schaffen. Doch mehr Transparenz führt auch zu grundsätzlichen unternehmensethischen Fragen. Denn was die gläserne Lieferkette für Kleinbauern und Arbeiter in den Ländern des globalen Südens bedeuten wird, ist noch nicht ausgemacht.

Folgen der Transparenz

Frank Ebinger sieht ein großes Interesse von Unternehmen daran, CSR-Risiken wie Menschenrechtsverletzungen, suboptimale Bedingungen bei der Produktion und ökologische Belastungen zu minimieren. Ihre Anstrengungen dazu könnten sie gegenüber den Kunden als Argument für etwas höhere Preise verwenden. Also würden auch die Produzenten im globalen Süden von mehr Transparenz profitieren.

Sven Hilbig von Brot für die Welt bezweifelt das. “Mehr Transparenz kann den Konkurrenzdruck unter den Produzenten erhöhen und zu einem stärkeren Preiskampf führen,“ meint er. Er befürchtet, dass die Produzenten gegenüber den Konzernen in Europa und den USA weiter ins Hintertreffen geraten und existenzsichernde Einkommen und Löhne auch in Zukunft unerreicht bleiben.

Wie sich Automatisierung und Digitalisierung auf die Länder des globalen Südens auswirken werden, dazu gibt es noch wenige verlässliche Daten. Aber es zeichnet sich bereits ab, dass die Folgen massiv sein werden. Prozesse wie Reshoring – das Zurückverlagern von Produktionsstätten nach Europa -, Automatisierung von Industrie und Landwirtschaft sowie der Einsatz von 3D-Druckern für die Massenproduktion werden auch in Afrika, Asien und Lateinamerika die Wirtschaft grundlegend verändern. Um diese Veränderungen fair zu gestalten, braucht es dringend starke analoge Institutionen. Zu diesem Ergebnis kommt die Weltbank in ihrem Bericht „Digital Dividends“ von 2016. Die digitale Lieferkette braucht einen analogen Rahmen, damit ethische Standards eingehalten werden.

Autorin

Claudia Mende ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Wirtschaft und internationale Zusammenarbeit

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