Klima & Co: Es geht ums Ganze

Digitale Wissenskommunikation

Sandra Goetz

Nachhaltigkeit wird zu einem immer wichtigeren Thema in unserer Gesellschaft. Nicht erst seit der globalen Fridays4Future-Bewegung haben die Diskussionen um den generationengerechten Ressourcenverbrauch samt ökologischem Fußabdruck und Klimawandel Eingang in das politische Tagesgeschäft sowie in die Wirtschaft gefunden.

Noch vor zwanzig Jahren waren Studierende, die sich für Nachhaltigkeitsthemen interessiert haben, als „Sonderlinge“ vornehmlich in Fächern und Fachbereichen zu finden, die für den studentischen Mainstream bestenfalls als „exotisch“ bis hin zu „langweilig“ galten – zum Beispiel Umweltingenieurwesen, Agrarökologie, Agrarbiologie oder Wasserwirtschaft. Heutzutage hat sich das Bild komplett geändert: Nachhaltigkeit zählt zu den Megatrends des 21. Jahrhunderts, egal in welchem Fach, egal in welchem Fachbereich. Und die Digitalisierung gibt diesem ökologischen Studien- und Informationstrend Schubkraft.

Klar: Einen Studiengang namens „Nur noch kurz die Welt retten“ oder auch „Weltverbesserung to go“ gibt es nicht. Auch ist die Übersicht zu dem, was Universitäten und Hochschulen diesbezüglich anbieten, nicht immer auf den ersten Klick sichtbar. Es liegt in der Natur der Nachhaltigkeits-Sache, dass wir es hier mit einem Querschnitt-Thema zu tun haben, das sämtliche gesellschaftliche Bereiche durchzieht – und damit auch alle möglichen Studienangebote. Selbiges trifft ebenso auf die Digitalisierung samt den Herausforderungen und Chancen digitaler Transformation zu. Aus der Kombination von Nachhaltigkeitsthemen und digitalen Bildungsstrategien entstehen berichtenswerte digitale Nachhaltigkeitsangebote deutscher Bildungsträger und Forschungseinrichtungen, von denen wir im Folgenden einige vorstellen.

First digital mover: Bayern

Dr. Steffi Widera

Den Anfang macht die Virtuelle Hochschule Bayern (vhb) mit einer realen Geschäftsstelle in Bamberg, die am 15. Mai 2020 ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert. Bereits 2000 hat der Freistaat Bayern entschieden, nicht nur die Lehr- und Studienbedingungen für die wachsende Zahl der Studierenden zu verbessern, sondern „die Studierenden in ihrer örtlichen und zeitlichen Flexibilität zu unterstützen, indem Online-Lehrangebote eingerichtet und angeboten werden“, sagt Steffi Widera, die seit 2016 die Geschäftsführung der vhb innehat.

„Die vhb ist ein Verbund von 31 Trägerhochschulen, zu denen neun staatliche bayerische Universitäten, 17 staatliche Hochschulen der Angewandten Wissenschaften und fünf weitere staatlich anerkannte Hochschulen gehören, davon vier in kirchlicher Trägerschaft und die Universität der Bundeswehr in München“, so die promovierte Slawistin. Die Zeiten, in denen die Vermittlung digitaler Lehre durch PowerPoint-Präsentationen und PDFs als innovativ galt, ist schon lange vorbei.

Darüber hinaus bietet die vhb ein starkes digitales Lehrangebot rund um Nachhaltigkeitsthemen. Der Bereich Wirtschaftswissenschaften von der Universität Würzburg bietet „Nachhaltigkeit durch Logistik und Informationsverarbeitung“, die TU München „Physikalische Aspekte der Landnutzung und des Klimawandels – aus der Perspektive der Agar-, Forst- und Gartenbauwissenschaften“ als digitale Lehrangebote . Ebenso bieten Kurse das Thema nur in einer Lektion oder in einem Kapitel an, beispielsweise „Global Education“, „Umweltmedizin online“ oder auch „Digitale Fabrikation in Architektur und Design“. Voraussichtlich ab dem Sommersemester 2021 werden „Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit“ von Prof. Edeltraut Botzum (TH Rosenheim, Soziale Arbeit) und „Grundlagen Nachhaltigkeit“ von Prof. Robert Reicht (TH Deggendorf, Naturwissenschaften) angeboten.

Diese unter CLASSIC vhb (curriculare Online-Kurse) beschriebenen Angebote können von den rund 385.000 an den Trägerhochschulen eingeschriebenen Studierenden kostenlos genutzt werden. Das Portfolio im Sommersemester 2020 umfasst rund 550 Online-Kurse in 15 Fächergruppen. „Rund 50 Kurse befinden sich derzeit in der Entwicklung“, sagt Widera. Dabei bietet jeder Kurs die Möglichkeit, Leistungsnachweise mit den Credit Points nach ECTS zu erwerben. Alle Kursteilnehmenden werden von geschulten E-Tutoren betreut.

CLASSIC vhb

Das Erfolgsmodell des digitalen Lehrangebots für Studierende wurde von Steffi Widera erweitert. Die 55-Jährige hat die vhb-Programme SMART vhb und OPEN vhb eingeführt. Im Repositorium SMART vhb liegen Lerneinheiten für Blended Learning-Formate mit einem Bearbeitungsumfang von rund 45 Minuten pro Einheit. Angeboten werden z.B. „Unternehmerisches Nachhaltigkeitsmanagement“ und „Green Finance“. OPEN vhb ist eine Plattform für offene Online-Kurse, mit der die Öffentlichkeit zwischen Alaska und Feuerland seit Sommer 2019 erreicht werden soll. Und das kostenlos, nur eine Registrierung ist nötig. Mehr als 20.000 Interessierte sind bereits im OPEN vhb-Boot. Auch hier gibt es vielfältige Angebote wie „Das intelligente Wohnen der Zukunft“ oder auch „Pflanzenschutz – gefährlich, sinnlos und überflüssig? Eine Einführung in die Welt der Schaderreger an Pflanzen“.

VHS-Kurs „klimafit – Klimawandel vor der Haustür!“Der Leitspruch „Allein ist man stark, gemeinsam unschlagbar“ passt optimal auf die Kooperation zwischen dem WWF Deutschland und dem Helmholz-Verbund Regionale Klimaveränderungen (REKLIM), die gemeinsam den VHS-Kurs „klimafit – Klimawandel vor der Haustür! Was kann ich tun?“ entwickelt haben, der seit Februar an 36 VHS-Standorten in Deutschland angeboten wird. In der didaktischen Ausgestaltung wird dabei viel Wert auf interaktive Elemente gelegt, so wird eine Lerncloud ebenso angeboten wie Skype-Vorträge von Expertinnen und Experten.

Klaus Grosfeld (Foto: Andrea Hugo)

„Das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen, allen voran dem Klima, ist vor zehn, fünfzehn Jahren explodiert“, sagt Klaus Grosfeld, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und Geschäftsführer des REKLIM. Bereits 2017 startete das Klima-Projekt von WWF und REKLIM als Pilotprojekt an neun Volkshochschulen in Südwestbaden, um Bürgerinnen und Bürger als Multiplikatoren im kommunalen Klimaschutz auszubilden. „Es reicht nicht, nur einen Klimaschutz-Manager vor Ort zu haben, wir brauchen 10.000 Bürgerinnen und Bürger, die sich als Klimaschutz-Manager verstehen“, erklärt Klimaforscher Grosfeld die Grundmotivation, die hinter dem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt steht.

Herausforderungen in der Adressierung

Bettina Münch-Epple, Leiterin WWF Bildung, ergänzt: „Die Menschen wissen heute, dass Klimawandel ein globales Problem ist, das gemeinschaftlicher Anstrengung bedarf, um gelöst zu werden. Wie die regionalen Folgen vor Ort aussehen und was sie tun können, ist dabei den wenigsten bekannt. Extreme Zeiten der Dürre haben wir auch in Deutschland, zum Beispiel in Südwestbaden oder im Leipziger Raum. Unsere Küsten an Nord- und Ostsee erleben immer stärkere Sturmfluten. Wir sehen, der Klimawandel zeigt sich unterschiedlich in den Regionen. Deswegen ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen, ihnen Wissen und Rüstzeug in die Hand zu geben, damit auch sie dazu beitragen können, ihre Städte und Gemeinden klimafreundlicher zu machen“.

Natürlich gibt es Herausforderungen in der Adressierung: „Die erste Hürde ist immer, dass die Menschen in die Kurse kommen. Wenn das erstmal geschafft ist und interessierte Bürgerinnen und Bürger Zugang zum Klima-Thema gefunden haben, sind sie begeistert“, sagt Münch-Epple und führt weiter an, dass die VHS-Kurse in Kleinstädten oftmals eine Warteliste hätten, während in Städten wie Leipzig oder Berlin die Konkurrenz größer ist und man mit anderen Angeboten im Aufmerksamkeitswettbewerb stehe. Der Dialog mit der Öffentlichkeit ist laut Experten nie nur auf einen Kanal beschränkt, eine wichtige Rolle spielen auch hier die digitalen Angebote. Ein beliebtes Format ist, wenn Top-Wissenschaftler Zusammenhänge erklären, zum Beispiel Prof. Mojib Latif den Klimawandel. Dafür hat der WWF in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Klima-Konsortium (DKK) einen interdisziplinären Massive Open Online Course, kurz MOOC, zum Klimawandel und seinen Folgen entwickelt, der auf der DKK- und WWF-Webseite abrufbar ist.

Digitale Wissenskommunikation

Auch REKLIM setzt auf die digitale Vermittlung, sind Wissens- und Datenplattformen doch ein wichtiges Kernelement des Wissenstransfers, die die Erreichung unterschiedlicher Nutzergruppen ermöglichen. Ob „Norddeutscher Klimamonitor“, „Norddeutscher Klimaatlas“, „Regionaler Klimaatlas“ oder „Küstenschutzbedarf“ bis hin zum „Dürremonitor“ oder der App „Dein Klima“ – alle Angebote bündeln wissenschaftlich gestütztes Wissen, das mit interaktiven Elementen ausgestattet ist und sowohl Anfrageoptionen wie auch Feedbackfunktionen ermöglichen.

Überhaupt habe sich auch die gesamte Wissenschaftskommunikation in den letzten fünf Jahren rasant verändert, führt Klaus Grosfeld an. „Man kann heute nicht nur forschen, sondern muss sich auch fragen, wie ich das Thema vermittele und das heißt, sich zu fragen, an wen das Ergebnis adressiert wird. Gerade der Bereich Klimawandel hat eindeutig auch mit Ethik und der Frage nach der Bewahrung der Schöpfung zu tun. Studierende, junge Doktorandinnen und Doktoranden wollen heute genau diesen Schritt gehen, sie fragen nach der Sinnhaftigkeit ihres Studiums und ihrer wissenschaftlichen Forschung“, so der promovierte Geophysiker.

CLIMATE2020

Um Sinn und Sinnhaftigkeit geht es auch auf der CLIMATE2020, eine weltweite Online-Klimakonferenz, die von 23. bis 30. März 2020 zum siebten Mal stattfand. Auch die CLIMATE wird in einem Verbund organisiert, mit dabei sind u.a. die Hamburg Open Online University (HOOU) und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Die Konferenz findet ausschließlich im Internet statt, sie ist klimaneutral, da alle CO2-Emissionen kompensiert werden. In Zeiten des Coronavirus muss zudem niemand eine Absage dieser internationalen Tagung befürchten.

Franziska Wolf (Foto: privat)

„Unsere weltweit einzigartige Konferenz bietet uneingeschränkten und kostenlosen Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln, Klimaprojekten und Online-Kursen, und das 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche“, sagt Projektleiterin Franziska Wolf. Mit der Digitalkonferenz soll vor allem Nachwuchswissenschaftlern aus der ganzen Welt die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigene Forschung zu präsentieren. Ein eigener Abschnitt wird über Förder- und Kooperationsmöglichkeiten informieren. Aber auch bereits etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen ihr Know-how der komplexen Klima-Realität zur Verfügung. „Die Zielgruppen der CLIMATE2020 sind neben Klimawissenschaftlern vor allem auch NGOs und Ministerien“, so Franziska Wolf.

Last but not least: Bei der CLIMATE2020 fällt auf, was bereits für die vhb sowie den WWF Deutschland und REKLIM als weitere Beispiele gilt: Eine zentrale Teilnehmerregistrierung und das Einsetzen von Learning Management Systemen (LMS) oder modifizierte MOOC-Kursmanagementsysteme sind wichtige Elemente dieser Bildungsangebote. In der Kooperation gleichgesinnter Institutionen entstehen Angebote des digitalen Wissenstransfers mit gesellschaftlicher Relevanz.

Autorin

Sandra Goetz schreibt zu SDG-Themen, twittert @Worthansa und lebt in Hamburg (sandra.goetz@csr-magazin.net).

Lizenz

Nachhaltig - im digitalen Dialog Copyright © 2020 Sandra Goetz. Alle Rechte vorbehalten.

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