Digitale Zugänge in Corona-Zeiten

Schulungen in der Lieferkette via Tablet

Achim Halfmann und Sonja Westphal im Interview

2018 gründete Sonja Westphal in Berlin das Unternehmen Sustify mit einem fünfköpfigen Team. Mit digitalen Medien lassen sich Mitarbeiter in Zulieferbetrieben weltweit schulen. Sustify bietet mit dieser Idee gerade in Pandemie-Zeiten ein interessantes Angebot.

CSR MAGAZIN: Frau Westphal, was gab den Ausschlag für die Gründung von Sustify?

Sonja Westphal: Auf meinen Reisen nach Asien habe ich gesehen, wie es dort in produzierenden Betrieben ausschaut. Ich habe Flüsse gesehen, die aufgrund des schwimmenden Abfalls kaum noch als solche zu erkennen waren. In Indien etwa erleben Sie einen großen Kontrast zwischen den schönen Stränden in Goa und den müllbelasteten Slums in Mumbai. Bei uns in Deutschland gelten hohe Umwelt- und Produktionsstandards und wir haben einen großen Teil der Produktion für unsere Märkte ins Ausland verlagert.

In Asien habe ich auch solche Fabriken kennengelernt, in denen deutsche Unternehmen Verantwortung für ihre ausgelagerte Produktion übernehmen. Allerdings fehlt es häufig an einer Messbarkeit der Investitionen in die Nachhaltigkeit. Die Unterschrift unter einen Code of Conduct oder ein jährlicher Besuch sind schön – aber kein Grant für das, was tatsächlich in der Produktion geschieht.

So kam ich zu den Themen „Digitalität“ und „Trainings in der Lieferkette“. Digitale Trainings haben manche Vorteile, wenn es um die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeit in Lieferketten geht: Mitarbeitende erleben unmittelbar, was in ihren Unternehmen geschieht. Und digitale Zugänge zu ihnen bleiben selbst in Zeiten des Corona-Lockdowns erhalten. Bei digitalen Schulungen lässt sich auch aus Deutschland nachvollziehen, wer teilgenommen hat und wie erfolgreich ein Schulungsprogramm verlief. Das ist sonst bei Mitarbeiterschulungen nicht einfach, denn die beauftragenden Firmen sitzen in Deutschland und die Schulungen geschehen weit entfernt.

Ein solcher innovativer Ansatz wird einiges an Herausforderungen mit sich bringen.

Anfangs habe ich nebenbei an dem Konzept gearbeitet und schnell gemerkt: Nebenbei geht das nicht. 2018 gründete ich das Unternehmen Sustify und jetzt geht es mit voller Kraft vorwärts.

Wir verfolgen einen Bootstrapping-Ansatz, der ohne externe Gründungsfinanzierung auskommt, und steigen deshalb so schnell wie möglich in das operative Geschäft ein. Wir haben nun die Proof of Concept-Phase hinter uns gelassen. In zahlreichen Iterationen und User Tests konnte das Produkt immer weiter verbessert werden, so dass wir nun bereit sind, auch in andere Länder und Industrien zu skalieren.

Bisher gibt es wenig Erfahrungen mit bildungsfernen Zielgruppen in Asien. Was bedeutet es etwa, wenn ein Analphabet ein Tablet nutzt? Wie erklärt man die Bedeutung von Symbolen? Zudem gibt es auch ‚digitale Analphabeten‘: In China nutzen inzwischen viele Menschen ein Smartphone, in Indien sieht das aber noch anders aus. Unsere Trainings berücksichtigen die verschiedenen Ausgangssituationen, denn wir wollen inklusiv arbeiten und niemanden ausschließen.

Ihr Schulungstool ist für den Einsatz in der Textilindustrie konzipiert? Oder lässt es sich auch in anderen Branchen anwenden?

Unsere digitalen Kurse sind so gestaltet, dass sie in jeder personalintensiven Industrie für eine bildungsferne Zielgruppe Anwendung finden können. Die Textilbranche findet sich regelmäßig in den Medien wieder. Was ich dort und in anderen Branchen in Asien gesehen habe, zeigt mir, dass die Textilproduktionsstätten in Sachen Nachhaltigkeit inzwischen weit voraus sind – weil der Druck da ist. In Asien bin ich an manchen metallverarbeitenden oder chemischen Betrieben vorbeigekommen – und da stand die Luft vor Chemikalien. Hier gibt es noch viel zu tun.

Was die Branchen betrifft, so haben wir inzwischen auch Volkswagen als Kunden gewonnen und sind Teil des Incubator Programms, in dem innovative Startups unterstützt werden und wofür Sustify als Representant für Nachhaltigkeit in der Lieferkette eine Wild Card gewonnen hat.

Wie sehen die digitalen Trainings ganz praktisch aus?

Die Schulungen werden in den Fabriken innerhalb der Arbeitszeit durchgeführt – wenn es im Unternehmen und bei dem Mitarbeiter gerade passt. Den Fabriken stellen wir dazu einen Satz Tablets zur Verfügung. Pro Teilnehmer sind über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen 15 Minuten pro Woche einzuplanen, damit sie auf diesen Tablets selbständig das Schulungsprogramm absolvieren können.

Die Kosten für die Software übernehmen deutsche Unternehmen. Uns geht nicht um ein klassisches, textbasiertes eLearning-Tool, sondern um ein nutzerfreundliches Angebot, das die breite Masse der Arbeiterinnen und Arbeiter ihrem Kenntnisstand eine Ebene höher hebt. Dazu arbeiten wir stark mit Illustrationen und Fotos. Sustify entwickelte ein Content-Management-System, so dass Content mit relativ geringem Aufwand an verschiedene Industrien angepasst werden kann.

Am Anfang erfolgt die Registrierung über einen Link, das dauert etwa zwei Minuten und jeder weitere Login erfolgt dann sehr einfach über die Gesichtserkennung, basierend auf Machine learning. Insgesamt ist die User Experience sehr einfach und intuitiv, und gleichzeitig sehr interaktiv: So werden etwa Bilder in Kategorien gezogen und es gibt dazu Erklärungen, die man auch mehrmals hören kann. Wir erleben, dass diese Schulungen den Arbeiterinnen und Arbeitern Spaß machen und dass sie stolz sind teilzunehmen. Und das spricht sich dann in den Fabriken herum.

Aus unseren bisherigen Erfahrungen haben wir manches gelernt: So zeigten wir den Schulungsteilnehmern zunächst einen Fortschritts-Button und das hat sie unter Druck gesetzt. Jetzt sollen die Teilnehmenden mit der Haltung lernen können: Du hast 15 Minuten Zeit, nutze sie und mache das Beste daraus.

Wichtig ist uns, dass die Firmen und ihre Arbeitnehmer verstehen: Wir sind keine Auditoren, es geht nicht um Prüfungen. Es geht darum, eine Fabrik und deren Arbeiterschaft weiterzuentwickeln.

Welche Inhalte lassen sich durch diese digitalen Trainings vermitteln?

Ursprünglich wollten wir alle drei Säulen der Nachhaltigkeit abdecken, allerdings besteht im sozialen Bereich die größte Nachfrage: Wir bieten Kurse zum Brandschutz sowie zu Hygiene- und Gesundheitsthemen – auch unter Berücksichtigung von Infektionsrisiken während einer Pandemie. Derzeit arbeiten wir an einem Kurs zu Arbeitsstandards und Beschwerdemechanismen. Arbeiterinnen und Arbeiter sollten wirklich verstehen, wann Beschwerden gerechtfertigt sind und wie sie selbst an Lösungen zu Problemen mitwirken können.

Geplant sind auch Kurse im Umweltbereich – etwa zu Energieeffizienz und Abfallvermeidung – sowie zu ökonomischen Themen wie Produktivität. Wir gehen da pragmatisch vor und reagieren auf Nachfrage, denn der Aufbau eines Kurses ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Zunächst wollen wir mit den bestehenden Kursen weitere Marktanteile gewinnen und zusätzliche Branchen erreichen. Wir sind Social Entrepreneure und wollen Impact erreichen und uns nicht verzetteln.

Digitale Technologien ermöglichen eine umfassende Datenanalyse. Wie gehen Sie damit in Ihren Schulungsprogrammen um?

Die Teilnahme an den Schulungen ist transparent: Manager können sehen, wer teilnimmt. Ergebnisse aus den Trainings werden aggregiert und anonymisiert ausgewertet. Erkennbar wird so: Wie war das Wissen am Anfang? Was hat sich verbessert? Was bereitet die größten Schwierigkeiten? Was war individuell der größte Lernfortschritt?

Am Ende gibt es ein Zertifikat für die Teilnehmenden und einen Score für die Fabrik. Unternehmen brauchen verlässliche Daten für ihre Nachhaltigkeits-Berichterstattung. Die wollen wir ihnen liefern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Lizenz

Globalisierung (mit-)verantworten Copyright © 2020 Achim Halfmann und Sonja Westphal im Interview. Alle Rechte vorbehalten.

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