Vom Schweinegürtel zum Algenvalley

Ernährungsindustrie im Oldenburger Münsterland

Mascha Hegemann und Connor Hoffmann

Folgt man der A1 aus Bremen Richtung Osnabrück, findet man sich im Oldenburger Münsterland wieder. Das einst brachliegende Moor, bestehend aus den Landkreisen Vechta und Cloppenburg, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der wichtigsten fleischproduzierenden Regionen der Bundesrepublik entwickelt und profitiert seit Jahren von einer boomenden Ernährungsindustrie. Bei einer Fahrt durch die Ortschaften ist das Bild von flachen Ackerflächen, großen Mastbetrieben und wenigen Dörfern geprägt. Böse Zungen bezeichnen es auch als Schweinegürtel Niedersachsens.

Doch nicht nur der Gestank macht der Region zu schaffen. Erhöhte Nitratwerte, großflächiger Einsatz von Antibiotika und ein sich veränderter Anspruch an die Ernährungsindustrie stellen Bewohner und Produzenten vor ungeahnte Herausforderungen. Uwe Bartels (SPD), ehemaliger Landwirtschaftsminister und Vorsitzender des Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland, sieht seine Region unter Zugzwang und hofft, dass Trends wie Veganismus und Flexitarismus von der Industrie aufgenommen werden. „Wir müssen die Herausforderungen wahrnehmen“, sagt Bartels, und „frühzeitig Lösungen anbieten. Diese Region würde einen riesigen Fehler machen, wenn sie nicht aufmerksam mit Argusaugen Märkte und Entwicklungen beobachten würde.“


Das CSR MAGAZIN will jungen Autoren eine Stimme geben. In dieser Ausgabe berichten zwei Teams aus dem Masterstudiengang “Transformationsmanagement in ländlichen Räumen” der Universität Vechta über Transformationsprozesse in der Ernährungsindustrie ihrer Region.


Die Region profitiert seit langem von den Arbeitsplätzen und der Wertschöpfung der Fleischindustrie. Oftmals als Silicon Valley der Ernährungsindustrie bezeichnet, schwebt nunmehr das Damokles-Schwert der Veränderung über dem Geschäftsmodell Oldenburger Münsterland. Können über Jahre bewährte Geschäftsmodelle dem Wandel der Zeit standhalten und neue Entwicklungen aufgreifen? Oder blüht den Unternehmen vor Ort das gleiche Schicksal wie dem einst marktführenden finnischen Telekommunikationsanbieter Nokia?

Alternative Proteinquellen ahmen Fleisch nach

Wenn es nach der PHW-Gruppe (Markenname „Wiesenhof“) geht: keinesfalls. In dem Familienunternehmen hat man erkannt, dass ein erfolgreiches Geschäftsmodell nur erfolgreich bleibt, wenn man auf Veränderungen reagiert. Die Gruppe kommuniziert bereits seit 2009 zum Thema Nachhaltigkeit und beschäftigt sich mit den Herausforderungen Tierwohl und Klima. Neben konventionellen Proteinquellen fokussierte sich die Gruppe früh auf alternative Proteinquellen. Der promovierte Ernährungswissenschaftler und Marketing-Geschäftsführer bei der PHW-Gruppe, Ingo Stryck, fasst diese Entwicklung zusammen: „Mit steigender Bevölkerungszahlen steht auch die Ernährungsindustrie vor neuen Herausforderungen. Wir bei der PHW-Gruppe haben verstanden, dass neben konventionellen Proteinquellen auch Alternativen betrachtet werden müssen“. Schaut man sich das Wachstum dieser Branche um etwa 60% im Jahre 2020 an, scheint er zumindest ökonomisch recht zu behalten.

Alternative Proteine werden seit einigen Jahren in unterschiedlichsten Formen von den Supermärkten und Discountern in das Produktportfolio aufgenommen. Zum Teil gibt es eigene Regale nur für die pflanzlichen Alternativen. Andernfalls findet man die veganen oder vegetarischen Alternativen direkt neben den ursprünglichen Produkten. Doch warum stellen die Alternativproteine häufig eine Nachahmung von tierischen Proteinen dar? Warum sind in den Läden vegane Nuggets, vegetarische Schnitzel, Burgerpatties aus Insekten sowie veganes oder auch vegetarisches Hackfleisch zu finden? Ingo Stryck erklärt sich das so: „Essen unterliegt bei den Menschen dem Gewohnheitsverhalten. Aufgrund dessen imitieren Plant-based- oder Insektenprodukte in der Regel Fleisch. Es ist einfacher Menschen Alternativen schmackhaft zu machen, wenn sie nicht zu sehr von ihren Gewohnheiten abweichen. Dabei sind Geschmack und Textur bei den alternativen Proteinquellen von großer Bedeutung“.

Keine einfache Milchmädchenrechnung

Doch wie sieht es auf Seiten der Ökologie aus? Seit Jahren machen alternative Proteinquellen von sich reden, wenn es um den Co²-Fußabdruck der Produkte geht. Während Hähnchenfleisch, nach Aussagen der PHW-Gruppe, in etwa 2,2 kg Co² pro 1 kg Endprodukt freisetzt, sind es bei Schweinefleisch sogar 3 kg. Rindfleisch gilt in dieser Rechnung mit etwa 22 kg Co² als Schwergewicht der Fleischindustrie, ganz abgesehen von dem Wasserverbrauch, der laut der Albert Schweizer Stiftung im globalen Durchschnitt bei 15.400 Liter pro Kilogramm liegt. Größten Anteil an dieser unglaublichen Ressourcenbindung haben die Futtermittel.

Warum also überhaupt den Weg der Tierhaltung geht, wenn wir den Fokus auf die anbaubaren Lebensmittel legen könnten? Eine einfache Milchmädchenrechnung reicht hier nicht: Plant-based-Eiweiße sind nicht gleich tierischen Eiweißen. Die biologische Wertigkeit muss daher bei einer differenzierten Betrachtung mitbedacht werden. Essentielle Aminosäuren, die der Organismus benötigt, finden sich ganz überwiegend in fleischlichen Produkten und müssen dem Körper bei einer veganen Ernährung über Ergänzungsprodukte oder einen ausgeklügelten Speiseplan zugeführt werden. Bei einer im Jahre 2035 auf 10 Milliarden Menschen angewachsenen Weltbevölkerung wird deren Versorgung jedoch nicht über eine einzige Proteinart gelingen.

Heimische Futtermittelalternativen

Neben den physiologischen Argumenten spielen auch Logistikwege eine wichtige Rolle. Ist es nachhaltig, Soja aus Südamerika nach Deutschland zu importieren oder den Beyond Meat Burger über den Atlantik zu schiffen? Wenn es nach der PHW-Gruppe geht, sollte das Augenmerk auf heimischen Alternativen liegen. Rapseiweiße als Futtermittel, Ackerbohnen oder Erbsenproteine (momentan am Weltmarkt ausverkauft – aufgrund hoher Nachfrage) können in unseren Hemisphären angebaut werden und lange Transportwege fallen weg.

Ingo Stryck sieht für das Oldenburger Münsterland Proteinprodukte aus Getreide als interessant an. Wie das Bundeslandwirtschaftsministerium ermitteltet, sind im Nordwesten der Republik hervorragende Weizenböden mit ergiebigen Hektarerträgen zu finden. Die Region sollte diese Chancen wahrnehmen und sich die Innovationskraft der klein- und mittelständischen Unternehmen zu nutzen machen. In den 40er- und 50er Jahren ist dies schon einmal gelungen. Die einst arme Region entwickelte sich durch findiges Unternehmertum und die Entwicklung eines Agroclusters zu einer boomenden Region.

Alternativen aus der Start-Up-Szene

Algen unter dem Mikroskop (US National Oceanic and Atmospheric Administration)

Ansätze die Herkulesaufgabe zu bewältigen gibt es nicht nur bei Big Playern wie Wiesenhof, sondern auch in der regionalen Start-Up-Szene. Das Unternehmen Evergreen-Food mit Sitz in Vechta hat seinen Fokus auf die Mikroalgen Chlorella und Spirulina gelegt. Gezüchtet werden die Algen von der Firma Agrinova, die von Rudolf Cordes, dem Vater der Geschäftsführerinnen von Evergreen-Food, gegründet wurde. Sein Interesse für die Thematik wurde schon in jungen Jahren durch einen Professor in Osnabrück geweckt, der Einzeller als zukünftige Lebensmittel in den Fokus rückte. Diese bieten den großen Vorteil, dass sie sich deutlich schneller vermehren als kommerzielle Nutztiere. Augenmerk sollte hier auf das exponentielle Wachstumspotential der Lebewesen gelegt werden. Anhand eines Schachbretts lässt sich dies anschaulich verdeutlichen: Legt man zu Beginn ein einziges Reiskorn auf das Schachbrett und verdoppelt die Anzahl von Feld zu Feld, erhält man auf Feld 64 die unglaubliche Zahl von 9.223.372.036.864.775.808 Reiskörner.

Komplexität der Algenzucht

Es stellt sich die Frage, warum sich bei einem solchen Wachstumspotential die Produktion von Einzellern wie bspw. Algen noch nicht durchgesetzt hat. Im Gespräch mit Herrn Cordes erläuterte er uns die Komplexität der Algenaufzucht. Bei der Produktion von Algen müssen neben dem richtigen Medium und der richtigen Zusammensetzung der Nährstoffe ebenso Fressfeinde, Viren und Bakterien beachtet werden. Jede Alge hat in etwa 40 natürliche Feinde und Hygiene ist ein Muss bei der Produktion. Im hauseigenen Labor entwickelt die Firma daher Starterkulturen, die unter dem Mikroskop beobachtet werden und bei gewünschter Reinheit in Kühleinheiten mit -80 Grad Celsius eingefroren werden. Vermehrt werden diese Starterkulturen im Anschluss in sterilen Folienschläuchen (V-Module = vertikales System). Auch hier ist eine stetige Überwachung notwendig, um einen Verlust der wertvollen Organismen zu verhindern.

Wenn eine ausreichende Vermehrung der Algenkulturen abgeschlossen ist, werden sie in große Becken (H-Module = Horizontales System) überführt, die in Gewächshäusern platziert werden. Die Gewächshäuser wurden ebenso von dem findigen Start Up entwickelt. Sie funktionieren ganz ohne Fremdstrom und sind auf den Dächern mit lichtdurchlässiger Photovoltaiktechnik ausgestattet. So kann die Produktion klimaneutral stattfinden. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen mit Landwirten aus der Region zusammen. Interessierten Landwirten werden Anleitungen bereitgestellt, mit Hilfe derer sie eigene Gewächshäuser zur Algenzucht aufbauen können. Die Landwirte erhalten Starterkulturen für 1.000 Liter, die sie in 10.000 Liter Edelstahlbecken vorkultivieren können. Ebenso hilft das Unternehmen den Landwirten durch den Aufbau von Trocknern und Laboren, um eine reibungslose Produktion zu ermöglichen.

Die Gewächshäuser bieten den Vorteil, dass sie auch auf nicht kommerziell nutzbaren Flächen Anwendung finden. Nach der Ernte werden die Algen getrocknet und zu Pulvern verarbeitet. Die Endprodukte vertreibt das Team im hauseigenen Onlineshop. Momentan sind die Kosten für Algen jedoch noch zu hoch und als Futtermittel für Tiere rentieren sich schlicht nicht. Weitere Forschung und eine Ausweitung der Produktionskapazitäten können hier jedoch entscheidende Impulse geben.

Der Markt wird vielfältiger

Geschäftsideen wie das Algenpulver von Evergreen machen Mut für die Region und brechen festgefahrene Muster auf. Uwe Bartels sieht eine Veränderung: „Der Markt der Ernährungsprodukte wird vielfältiger und diese Vielfalt wird sich auch bei den Unternehmen im Oldenburger Münsterland widerspiegeln, weil sie klug sind und wissen, dass sie Trends nicht verschlafen dürfen.“

Fraglich ist jedoch, ob die Region gestärkt aus dem Transformationsprozess hervorgehen wird. Barbara Grabkowsky, Geschäftsführerin des Verbunds Transformationsforschung Agrar Niedersachsen am Standort Vechta, sieht enormes Innovationspotenzial in der Region, dem Transformationsprozess zu begegnen. Es gibt aber einige Hürden, insbesondere in Form von politischen Zielkonflikten – z.B. im Bau- und Umweltrecht: “Der Produktionsschwerpunkt der Region liegt in der Veredelungswirtschaft. Hier braucht es eine kluge und umgehende Weichenstellung, da sonst der Strukturbruch droht.”

Herausforderungen für die Fleischwirtschaft

Wie so oft in der Geschichte steht die Region vor Veränderungen, die etablierte Muster ablösen können. Der Konsum von Schweinefleisch hat in den letzten 10 Jahren um 8 kg pro Einwohner abgenommen. Was beim Lesen nicht allzu dramatisch wirkt, hat schwerwiegende Konsequenzen für eine Region, deren Standbein die -so die Branchensprache – „Veredelungswirtschaft von Schweinen“ ist. Der Druck sich zum Tierwohl zu bekennen steigt weiter, die Zahlungsbereitschaft der Bürger jedoch nicht.

Während in Deutschland die politischen Rahmenordnungen anziehen und die Landwirte, Mastbetriebe und Schlachtereien zunehmend in Bredouille geraten, bauen Nachbarländer die Produktionsmengen auf niedrigeren Standards aus. Polen entwickelt sich zu einem der größten Geflügelanbieter Europas und drückt die Preise auf dem Hintergrund geringer politischer Einschränkungen. Der europäische Binnenmarkt führt dazu, dass diese Produkte auf den deutschen Markt drängen und den heimischen Erzeugern die Margen streitig machen.

Verstärkt werden die Herausforderungen für die Fleischwirtschaft durch die allgegenwärtige Corona-Krise. Gastronomen, einer der Hauptabnehmer für tierische Produkte im Oldenburger Münsterland, sehen sich in ihrer Existenz bedroht und müssen jeden Cent zwei Mal umdrehen. Hier wirken günstigere Alternativen aus dem Ausland attraktiver als die teuren deutschen Produkte.

Neben der Gastronomie besitzt die verarbeitende Industrie regional einen großen Stellenwert. Doch auch hier stehen deutsche Anbieter vor dem Problem, dass Eier, Milch und Fleischprodukte oftmals günstiger aus dem Ausland importiert werden können. Ökologische Probleme werden mit nationalen Gesetzgebungen oftmals nur über die Grenze verschoben und setzen regionale Wirtschaftsstrukturen unter Druck. Natürlich darf dies kein Argument sein, um einen Unterbietungswettbewerb der nationalen Industrien zu rechtfertigen. Sinnvoll erscheint hier aber ein europäischer Weg, der klare Regeln implementiert und einen fairen Wettbewerb der Mitgliedsstaaten ermöglicht.

Ob das Oldenburger Münsterland den Spagat zwischen Aufrechterhaltung etablierter Wirtschaftsstrukturen und Etablierung neuer Geschäftsmodelle schafft, bleibt abzuwarten. Gemäß dem Motto der Region „Viel grün. Viel drauf“ bleibt zu hoffen, dass sich der Standort in Zukunft nicht durch „Wenig grün. Wenig drin“ auszeichnen wird.

Mascha Hegemann und Connor Hoffmann
studieren im Masterstudiengang “Transformationsmanagement in ländlichen Räumen” an der Universität Vechta
trm.vechta@gmail.com


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